Unerwartete Entdeckung

BIEBEN. „Es ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Biebens Ortsvorsteher Jens Heddrich. Auf dem Grundstück der ehemaligen Scheune der Familie Neeb, hat er mehr oder weniger zufällig einen völlig intakten Brunnen entdeck. Wie alt dieser ist, weiß bisher niemand. Fest steht, er ist sechs Meter tief, lose gemauert – ohne Mörtel oder erkennbare Fugen. Die Wassersäule beträgt in etwa 150 Zentimetern. Unmittelbar nach der Entdeckung wurde die Biebener Feuerwehr hinzugerufen, um sicherzustellen, dass es sich tatsächlich um einen intakten Brunnen handelt. Allerdings nicht mit Geräten der Brandschützer, sondern mit einer herkömmlichen Gartenpumpe versuchten sie, den Brunnen leer zu pumpen. Ohne Erfolg. Der Wasserstand änderte sich nicht. Somit war schnell klar, dass der Brunnen in einwandfreiem Zustand ist. In etwa zur gleichen Zeit war Archäologe Christian Bodien bei seiner Mutter in Udenhausen zu Gast. Also wurde er hinzugerufen, um sich den Brunnen einmal näher anzuschauen, berichtet Ortsvorsteher Jens Heddrich. Doch auch ein erster fachmännischer Blick, gab keinen Aufschluss über das Alter des Brunnens. Er wies die Biebener lediglich auf den Umstand hin, das sämtliche Steine des Brunnens lose aufeinandergesetzt sind. Somit könnte der Brunnen aus dem Mittelalter stammen, oder aber auch nur um die 100 Jahre alt sein. Sein Tipp: Pumpt den Brunnen komplett leer. Meist fänden sich dann Tonscherben oder andere Dinge, die einst in den Brunnen gefallen sind, und nähren Aufschluss über das Alter geben könnten.

Doch wie es eigentlich zu der Entdeckung des Brunnes kam, ist eine eigene Geschichte für sich. Ursprünglich stand eine Scheune mit Kuhstall über dem Brunnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen wurde. Das anliegende Wohnhaus blieb bestehen. Es wurde allerdings im September 1978 abgerissen, dass unter ihm oder in unmittelbarer Nähe ein intakter Brunnen begraben liegt, wussten selbst die damaligen Besitzer nicht, berichtet Inge Neeb. Das Haus habe 1976 verkauft werden müssen, weil die damalige Straßenbaubehörde eine Engstelle im Dorf beseitigen wollte, um dem gestiegenen Verkehrsaufkommen gerecht zu werden. Familie Neeb einigte sich mit der Behörde, verließ ihr angestammtes Domizil und baute am Rand von Bieben neu. Obwohl an der neuralgischen Stelle nun genug Platz war, um die Straße auszubauen, fehlte plötzlich Geld in der Staatskasse und die Baumaßnahme wurde nicht umgesetzt, erinnert sich Neeb. Erst 40 Jahre später – nämlich im Mai 2018 – viel der Startschuss zum Neubau der Ortsdurchfahrt Bieben. Ein weiteres Haus auf dem Nachbargrundstück des ehemaligen Hofs der Familie Neeb musste weichen. Allerdings war dies zu diesem Zeitpunkt bereits unbewohnt und in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Somit entstand in der einst engen Kurve, die jahrelang das Dorfbild prägte eine Freifläche an der Ortsdurchfahrt. Es entstand die Idee, an dieser Stelle einen Dorfplatz in Eigenregie zu erstellen. Nachdem die Ortsdurchfahrt fast fertig war, wurden mit einem Bagger Erdarbeiten am neuen Dorfplatz durchgeführt. Plötzlich stoppte der erfahrene Baggerfahrer und rief: „Stopp, hier ist etwas.“ Der Baggerfahrer sei ausgestiegen und habe mit dem Ortsvorsteher festgestellt, dass hier etwas nicht stimme. Somit hieß es, sich mit der Schippe in der Hand vorzutasten, und schnell kam ein mit einem schweren Stein abgedecktes Gemäuer zum Vorschein. Alsbald war klar, dass es sich um einen Brunnen handelt. „Unser Opa hat immer gesagt, dass wir im alten Stall einen Brunnen hatten, aber das hat ihm damals niemand geglaubt“, erinnert sich Neeb. Jetzt erst sei klar geworden, dass seine Erzählungen tatsächlich der Wahrheit entsprachen. Sie habe im Jahr 1965 nach Bieben geheiratet. Ihr Schwiegervater Johannes Neeb hatte in dieser Zeit von dem Brunnen erzählt.

Für den Ortsvorsteher nicht nur eine Sensation, sondern ein mehr als willkommener Fund, zur Gestaltung des kleinen Dorfplatzes. Allerdings soll der Brunnen aus Sicherheitsgründen geschlossen und stattdessen mit einer Pumpe versehen werden, so habe man es während eines ersten Vor-Ort-Termins des Ortsbeirates angedacht. Dazu soll der Brunnen entsprechend verkleidet werden, ein Wasserlauf für die Kinder entstehen, um sich im Sommer abzukühlen und spielen zu können. Zudem stand nur wenige Meter vom neuen Dorfplatz entfernt, die ehemalige Dorflinde, die vor vielen Jahren einem Blitz zu Opfer gefallen sei. Daher soll – wie beim Spatenstich im Mai 2018 vom Ortsvorsteher angedacht – auf dem Dorfplatz in der Nähe des Brunnes eine neue Dorflinde gepflanzt werden.

Bevor der Dorfplatz jetzt nach und nach Form annimmt, wüsste Heddrich allerdings gern mehr über das Alter des Brunnens und hat daher das Denkmalamt informiert. „Ich hoffe, die Experten können es in die Wege leiten und jemanden vorbeischicken, um genaue Recherchen anzustellen.“ Da kann ihm Inge Neeb nur beipflichten. Schließlich hat sie 13 Jahre in einem Haus mit eigenem Brunnen gewohnt, ohne es zu wissen.

Quelle: Oberhessische Zeitung

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