Kabarett

Kauzige Kultfamilie
 
„Der Vulkan lässt lesen“: Kabarettist Jo van Nelsen lässt in der Kulturschmiede Eichenrod die Hesselbachs wiederauferstehen

EICHENROD . Ganz ausgefallen und dennoch sehr passend entpuppte sich am Sonntag ein altes Gebäude im Lautertaler Ortsteil Eichenrod erstmals als ideale Lokation zum Auftakt der 14. Saison der Erfolgsreihe „Der Vulkan lässt lesen“: Eingeladen von der Ovag, den Buchhandlungen „Lesezeichen“ Lauterbach und „Lesenswert“ Alsfeld sowie der Sparkasse Oberhessen, bescherte der Frankfurter Kabarettist und Chansonnier Jo van Nelsen in der gut besuchten, zur Kulturschmiede umgebauten Schmiede von Ellen Schaaf ein erlesenes Déjà-vu mit der einst beliebten Radio- und Fernseh-Familie Hesselbach und einem herrlich amüsanten „Techtelmechtel“.

Vornehmlich die älteren Generationen dürften sich heute noch an die kleinen und großen Tumulte aus dem hessischen Familienalltag mit bekannten Redewendungen wie „Kall, moi Drobbe“, „ach Goddelche, Marieche“ oder „Ai Kall“ von Babba und Mamma Hesselbach erinnern. Die Familienserie startete Anfang der 1950er Jahre zunächst im Radio, ab 1954 im Kino und von 1960 bis 1967 im Fernsehen.

„Nach dem Samstagbaden wurde sich immer bettfertig gemacht, in der guten Stube mit der ganzen Familie versammelt und mit Spannung die Hesselbach-Geschichten im Radio gehört“, schwelgte ein Eichenröder Grüppchen älterer Herrschaften in seinen Kindheitserinnerungen. „Für heutige Kinder und Jugendliche im Zeitalter der modernen Medientechnik undenkbar. Die denken wahrscheinlich, wir seien vom anderen Stern“, schmunzelte ein Beteiligter über das bewahrte Andenken. Ein anderer Gast stellte sich sogar bei der Wahl seines Outfits eigens mit „Batschkappe“ und legerem Blouson auf die Trendsetter der Vergangenheit ein. Letztlich war es allen anwesenden Damen und Herren ein Vergnügen, den Abend im Kreis einer erlesenen Hesselbach-Fangemeinde zu verbringen, in der Jo van Nelsen eine komödiantische Steilvorlage nach der anderen präsentierte.

Nach der Begrüßung durch Ovag-Mitarbeiterin Anne Naumann übernahm der Frankfurter „Multitasking-Kabarettist“ das Ruder und erzählte zunächst seinem Publikum, wie er an die literarischen Antiquitäten „Babba“ und „Mamma“ von Wolf Schmidt, dem Autor und Hauptdarsteller der „Hesselbachs“, geriet. Im Anschluss schlüpfte er mit offener Begeisterung in die eigentümlichen Charaktere der kultigen Druckereibesitzerfamilie und ihrer Angestellten und ließ sie mit dem richtigen Quäntchen Einfühlungsvermögen in Mimik, Gestik und Stimmlage zum großen „Techtelmechtel“ geradezu lebendig erscheinen.

Genüsslich kreuzten sich fortan „trockene Begriffe“ und Formulierungen einer moralgefütterten Zeit mit menschlicher Begierde, skurrilen Verwicklungen und versteckten Seitenhieben zum gesellschaftlichen Mit- und Übereinander mit Wertevorstellungen, Konflikten und unermesslichem Temperament. Kurzum – Facetten des Lebens mit zeitloser Beständigkeit und durchaus wiederholenden Parallelen in der heutigen Zeit.

Wie kein Zweiter beschrieb van Nelsen in herausragender Darstellungskunst das Wiedersehen mit Babba Karl und Mamma Marie Hesselbach, mit Sohn Willi, Chefsekretärin Fräulein Sauerberg, dem pingeligen Buchhalter Münzenberger, Willis flotter Sekretärin Fräulein Schneider, dem feschen Herrn Lindner, der kauzigen Putzfrau Siebenhals, Rudi, dem Lehrbub, und einem Fräulein Pinella, das – außer „Unschuldsblick“ und zarten Kurven – fachlich nichts zu bieten hatte.

Mamma Hesselbach wollte einer Bekannten vom Kaffeekränzchen einen Gefallen tun. Sie legte ihrem Gatten nahe, das junge Fräulein in der Firma einzustellen, obgleich die Druckerei keine weiteren Mitarbeiter benötigte. Entrüstet lehnte Babba ab. Als jedoch Pinella zum Vorstellungsgespräch erschien, entfachte die „zarte Unschuld“ sofort bei Karls erloschen geglaubten Trieben mächtig Puls zum zweiten Frühling. Selbstverständlich stellte er die Schöne dann als Allroundkraft ein und erlag ihren Reizen so weit, dass er kurz davor war, seine geliebte Ehefrau und den Schutzraum der geliebten Familie zu verlassen. Nur der Gedanke an die heiß geliebten Kartoffelpuffer konnte ihn letztlich zurückhalten. Welch ein Genuss.

Quelle: Oberhessische Zeitung

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