Großer Gewinn für die Natur

WALLERSDORF/VOGELSBERGKREIS - Seine Spuren sind unverkennbar. Und nun auch im Vogelsbergkreis aufgetaucht. Der Biber ist wieder da. Bei Wallersdorf wurde das Nagetier gesehen und ein „angenagter“ Baum zeugt von der Präsenz. Mark Harthun ist stellvertretender Landesgeschäftsführer beim NABU Hessen und ein Biber-Experte. Er hat bereits vor 22 Jahren die Auswirkungen des Bibers im Spessart erforscht und ist seit dieser Zeit am Thema dran geblieben.

Welche Vorteile hat es für die Natur, dass der Biber wieder im Vogelsberg lebt? Welche natürliche Funktion hat das Tier?

Der Biber ist ein großer Gewinn für die Natur. Er renaturiert uns kostenlos die Bäche, wofür sonst Zehntausende von Euros ausgegeben werden müssten. Durch Biberdämme sorgt er für Biberseen und für die Teilung von Gewässerläufen in Parallelgerinne. Er schafft neue Strukturen wie das Nebeneinander von Still- und Fließgewässern, Totholz (stehend und liegend), Dämme, Biberlichtungen (= abgelaufene Biberseen), offene Bodenstellen (für Pionierarten der Pflanzen und Tiere). Viele neue Arten kommen durch den Biber in die Auen, was ihren Erlebnisreichtum auch für die Menschen steigert (Schwarzstorch, Gelbbauchunke, Kreuzkröte, Entenarten, Eisvogel, Libellen, Fische und viele mehr). Der Biber reinigt auch das Wasser, weil Düngemittel aus der Landwirtschaft in den Biberseen zu Algenwachstum führen und diese im See verbleiben. So wirkt ein Bibersee wie eine kleine „Kläranlage“. Er fördert die Grundwasser-Neubildung, das ist ja gerade im Vogelsberg ein Thema, und durch Verdunstung das Lokal-Klima. Seine Biberseen tragen zum Hochwasserschutz bei, weil das Wasser nicht nur zurückgehalten wird, sondern der Abfluss durch Verteilung in der Aue, Versickerung und Verdunstung auch vermindert wird.

Auf welchen möglichen Einwanderungswegen ist der Biber nach Wallersdorf gelangt?

 

Der Biber wird über die Fulda in die Jossa eingewandert sein.

War der Biber ursprünglich einmal im Vogelsberg heimisch?

Ja, der Biber war flächendeckend in Hessen verbreitet. Er kommt auch mit größerer Höhe klar. Ich kenne Biberseen in 400 Meter Höhe. Biber sind auch nicht auf natürliche Gewässer angewiesen, sondern sie kommen mit verbauten und verschmutzten Gewässern klar, denn: Sie renaturieren sie selbst.

Wo sind die nächsten, an den Vogelsberg angrenzenden Biber-Habitate?

Die Fulda ist inzwischen bis hoch nach Kassel vom Biber besiedelt. Das gleiche gilt für das Kinzigtal und inzwischen auch für die Wetterau. Im Norden wurde kürzlich in der Ohm das erste Tier in Marburg-Biedenkopf entdeckt. Es kam vermutlich über die Schwalm.

Welchen Lebensraum besetzt das Nagetier?

Der Biber lebt am liebsten dort, wo es viel Weichholz wie Weiden oder Pappeln gibt. Damit sind große Flüsse erst mal attraktiver als kleine Bäche, wo es überwiegend Erlen gibt. Die Erfahrung aus dem Wiederansiedlungsprojekt im Spessart zeigte aber überraschend, dass der Biber auch in diesen scheinbar schlecht geeigneten kleinen Bächen seit 20 Jahren gut klar kommt. Wir hatten mit einer Abwanderung nach einigen Jahren gerechnet. Er bevorzugt Stillgewässer oder langsam fließende Gewässer, daher baut er Dämme, um die Strömung zu beruhigen. Dies schafft er aber nur in Gewässerbreiten von bis zu drei Metern.

Wie groß ist ein Revier? Wie groß kann ein Biber werden?

Man spricht von vier Kilometern Uferlänge, das heißt ein Bachabschnitt von rund zwei Kilometern Länge. Ein Biber ist einen Meter lang, plus 40 Zentimeter Schwanz. Er kann bis zu 30 Kilogramm wiegen.

Was dient dem Nagetier als Nahrung?

Im Sommer alle Kräuter der Auen, wie Mädesüß oder Brennnesseln. Im Winter mehr Baumrinde. Da unsere Winter aber immer wärmer werden, scheint die Baumrinden-Nahrung keine große Rolle mehr zu spielen, daher auch das Überleben an den „Erlen-Bächen“.

Welche Vorbehalte gibt es gegen den Biber und wie tritt der NABU diesen entgegen?

Durch den Bau von Biberdämmen kann es zu Überflutungen der Ufer kommen. Da wir derzeit eine sehr intensive Landwirtschaft haben, die oft bis an die Gewässerkante hin wirtschaftet, entsteht hier ein Konflikt mit den Landwirten. Im Grunde zeigt der Biber nur, dass zu jedem Gewässer auch die Aue dazugehört, wo nicht nur viele auentypische Arten leben, sondern wo sich auch das Gewässer dynamisch entwickeln können muss. Der NABU hält viele Vorträge, um die Menschen rechtzeitig zu informieren, wie Biber leben, was sie anstellen können und wie man sich und vor allem seine Bäume schützen kann. Vor allem zeigen wir den Menschen all die Vorteile, die der Biber für die Artenvielfalt bringt. Im Wald gibt es eigentlich keine Probleme, der Landesbetrieb steht hinter dem Biber, zumal die Forstverwaltung die Wiederansiedlung organisiert hatte.

Gibt es Schutzmaßnahmen, Kampagnen für den Biber?

Die wichtigste Schutzmaßnahme ist es, den Gewässern mehr Raum zu geben. Das gebietet auch der Hochwasserschutz. Daher fordern wir vom Land ein Programm zur Anlage von Gewässerentwicklungsstreifen, etwa 10 bis 30 Meter auf jeder Seite. Die öffentliche Hand (Kommunen oder Land) sollte diese Uferstreifen erwerben, damit, wenn der Biber kommt, und das wird er in den nächsten 20 Jahren überall, möglichst wenig Konflikte entstehen. Das hat im Wiederansiedlungsprojekt im Spessart perfekt funktioniert.

Da dies ein langwieriger und kostspieliger Prozess ist, sollte schon jetzt damit begonnen werden, damit sich die Last über 20 bis 30 Jahre verteilt. Definitiv falsch ist es, immer zu warten, bis es Ärger mit dem Biber gibt, und dann als „Feuerwehr“ hinterherzulaufen. Vorsorge ist besser als Nachsorge.

Sie haben die Wiederansiedlung des Bibers im Spessart auch wissenschaftlich begleitet? Wie verlief die Wiederansiedlung?

Die Wiederansiedlung 1987/88 ist ein echtes Erfolgsprojekt. Durch gute Vorbereitung wie Schutzgebietsausweisungen, Landkauf, Flurneuordnung und Ausweisung eines Gewässerentwicklungsstreifens sind aus den 18 Tieren inzwischen weit über 1000 geworden, wobei ein Teil nach Unterfranken abgewandert ist.

Wie viel Biber gibt es aktuell in Hessen?

Aktuell gibt es 591 Biber in Hessen. Der Bestand nimmt deutlich zu. Wir gehen davon aus, dass sich dies in den nächsten Jahren noch beschleunigen wird, denn je mehr Biber es gibt, desto leichter wird die Partnerfindung. Daher gibt es dringenden Handlungsbedarf im Auenschutz.

Quelle: Oberhessische Zeitung http://www.oberhessische-zeitung.de/lokales/vogelsbergkreis/grebenau/grosser-gewinn-fuer-die-natur_18546749.htm

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