Gegen Apothekensterben

Lars Wicke ist Teil einer bundesweiten Kampagne der Apotheken. Das freut die Grebenauer Apothekerin Beate Fuhge. Foto: Dickel
 
GREBENAU/VOGELSBERGKREIS - Apotheken sind ein wichtiger Baustein für die medizinische Grundversorgung auf dem Land. Doch laut dem Hessischen Apothekerverband sinkt ihre Anzahl in Deutschland. "Mehr Apotheken-Inhaber denn je nähern sich dem Rentenalter und suchen Nachfolger. Dies trifft insbesondere auf den Vogelsbergkreis zu, wo das Durchschnittsalter der Betriebsinhaber von Apotheken mit 56 Jahren deutlich über dem hessischen Durchschnitt von 52,8 Jahren liegt. In den nächsten zehn Jahren werden dort voraussichtlich gut zwei Drittel der jetzigen Apothekeninhaber das Rentenalter erreichen", sagt Verbandspressesprecherin Katja Förster. Auf der Suche nach Repräsentanten, die sich gegen das sich anbahnende Apothekensterben auf dem Land einsetzen, wurde die Frankfurterin beim Einkauf auf dem Wochenmarkt fündig. "Frau Förster ist Stammkunde bei unserem Metzger Döring, der in Frankfurt auf dem Wochenmarkt steht. Er hat ihr gesagt, dass sie doch einmal in Grebenau im Rathaus anrufen könne", berichtet Grebenaus Bürgermeister Lars Wicke (Freie Wähler). So sei es gekommen, dass er als zweiter Bürgermeister in Hessen zum Gesicht der bundesweiten Kampagne wurde. "Auf dem Land ist es noch so, dass sich Stadt, Metzger und Apotheke gegenseitig unterstützen", fügt die Grebenauer Apothekerin Beate Fuhge an. Wicke macht deutlich, dass die Apotheke für ihn ein ganz wichtiger Baustein der ländlichen Infrastruktur ist: "Sie hat eine Sogwirkung für unseren Einzelhandel. Wer zu ihr fährt, nutzt die Gelegenheit und hält auch beim Bäcker, Metzger oder Einkaufsmarkt. Mir ist es wichtig, zu sagen, dass eine Apotheke ein Standortfaktor ist, der Kaufkraft bringt." Wicke kann sich noch gut erinnern, wie schwierig es bereits für den alten Apotheker Helmut Strippel gewesen sei, einen Nachfolger zu finden. Strippel habe damals drei bis vier Jahre gekämpft, bis er in Beate Fuhge Anfang des Jahres 2016 eine Nachfolgerin gefunden habe. "Jeder alte Apotheker ist froh, wenn er einen Nachfolger findet", berichtet Fuhge. Sie habe den Schritt bisher nicht bereut, aus der Pfalz ins Gründchen gezogen zu sein. Jedoch müsse sie einige Herausforderungen bewältigen. Es sei schwer geworden Fachpersonal zu finden. Insbesondere die in einer Apotheke benötigen pharmazeutisch, technischen Assistenten (PTA) würden oft einen Job in der Pharmaindustrie vorziehen. "PTA und Apotheker werden hoch gehandelt. Wir sind extrem mit Bürokratie belastet, und das wollen viele Junge Kollegen nicht mehr", fasst sie die Situation auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Außerdem seien die Margen für Apotheken bei Medikamenten gesunken. Darüber hinaus nehme die Konkurrenz aus dem Internet zu, die ganz andere Preise anbieten könne. Weil aber die Lieferung von Medikamenten bei einigen Rezepten sehr schnell gehen müsse, seien Apotheken auf einen Zwischenhändler angewiesen. "Apotheken haben im Prinzip das gleiche Problem wie der kleine Tante-Emma-Laden", ergänzt Wicke.
 
Alsfeld und Lauterbach
Auch in der Apotheke am Rathaus in Alsfeld sind die Herausforderungen bekannt. Insbesondere die Konkurrenz aus dem Internet sei ein Thema. Aber die Rathaus Apotheke habe erst vor Kurzem sowohl eine neue Apothekerin als auch eine PTA einstellen können. Wie sich das in den anderen Alsfelder Apotheken verhalte, wüssten sie nicht. In der Kreisstadt Lauterbach ist das Apothekensterben ein bekanntes Thema. "Die Markt-Apotheke hat schon zu gemacht, und es konnte kein Nachfolger gefunden werden. Deshalb mache ich mir erst gar keine Illusion für mich einen Nachfolger zu finden", sagt Christiane Pflug von der Hohhaus-Apotheke. Fachkräftemangel sei ohnehin in vielen Branchen ein Thema. Sie könne sich kaum vorstellen, dass jemand von außen zuzieht. Es sei denn, dass die Fachkraft Wurzeln im Vogelsberg habe. Die Konkurrenz aus dem Internet sei der Bequemlichkeit vieler Menschen geschuldet. "Aber der Versand ist keine Alternative, das dauert einfach zu lang, wenn es akut ist. Notdienst gibt es nur vor Ort", betont Pflug. Gerade auf den Dörfern sei die Aufregung groß, wenn dort die einzige Apotheke schließe und die nächste bis zu 50 Kilometer entfernt sei. "Jeden dritten Tag schließt eine Apotheke in Deutschland. Es trifft ohnehin die Regionen, die schlecht versorgt sind", sagt Pflug zum Thema Infrastruktur. Die Gemeinde Schwalmtal ist die einzige Kommune im Altkreis Alsfeld ohne eigene Apotheke. Bürgermeister Timo Georg (parteilos) sieht darin jedoch kein Problem. "Nach meinem Kenntnisstand hatten wir in jüngerer Vergangenheit noch nie eine. Die Wege sind kurz nach Alsfeld und Lauterbach, und es gibt Bringdienste, daher kamen noch nie Beschwerden auf. Aufgrund unserer Lage haben wir keinen Standortnachteil", sagt Georg.
 
 
Persönlicher Kontakt
Trotz der angeführten Probleme macht Fuhge deutlich: "Ich möchte auf keinen Fall meckern. Der Job auf dem Land, im engen Kontakt mit den Menschen macht mir Spaß." Und genau darin sieht sie ihren Vorteil: die Beratung vor Ort und das Wissen über die Beschwerden der Patienten. Mit einem Blick auf das Rezept könne sie beispielsweise sagen: "Das Mittel darf ich ihnen gar nicht geben. Sie haben beim Hausarzt vergessen zu sagen, dass sie ein Medikament vom Augenarzt verschrieben bekommen haben. Die Medikamente vertragen sich nicht miteinander." Ein Service-Terminal in ihrer Apotheke unterstützt sie bei ihrer Arbeit. "Ohne Internet kommt man bei uns auch nicht mehr aus. Wir nutzen neue Möglichkeiten", sagt sie. Beispielsweise hilft ihr das Terminal, um Rezepte in verschiedene Sprachen zu übersetzen. Ältere Menschen würden das Terminal zwar nicht aktiv nutzen, aber ihnen würden Anwendungshinweise gezeigt, die gut angenommen würden. Das demonstriert Fuhge am Beispiel eines Inhalators, und die kurzen Filmclips über die richtige Anwendung kann sie sogar in verschiedenen Sprachen vorführen.
"Das persönliche Verhältnis ist ein Vorteil für die Menschen", hebt Wicke hervor. Auch er ist mit dem Slogan "Für den Zuzug junger Familien spielt auch die Apotheke eine Rolle" auf dem Terminal zu sehen. Das komme bei den Grebenauern gut an, aber in Grünberg oder Frankfurt kenne ihn wohl niemand, meint der Rathauschef. Das sieht Förster ein wenig anders. Als eines der Aushängeschilder der bundesweiten Kampagne werde auf den Plakaten mit Wicke auch Grebenau und der Vogelsberg erwähnt. Damit mache er schließlich auch die Region bekannter.
 

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