Blühende Landschaften

Blühende Landschaften

VOGELSBERGKREIS/SCHWARZ - Ob Blühstreifen- oder ganze Blühäcker - die Aktion "Hessen blüht für Bienen" hat im zweiten Jahr ihres Bestehens im Vogelsbergkreis richtig an Fahrt aufgenommen. Der Kreisbauernverband Vogelsberg stellt dafür seinen Mitgliedern kostenfrei das Saatgut zur Verfügung. Davon hat auch Landwirt Holger Eidt aus Schwarz Gebrauch gemacht und im Frühjahr gleich sechs Hektar Brachfläche in Blühäcker verwandelt. "In diesem Jahr haben wir Saatgut für 100 Hektar an die Landwirte ausgegeben und damit die Menge im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht", berichtet die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Stefanie Eggers.
 
Umgang mit der Natur
Gemeinsam mit Eidt und dem Schwärzer Jagdpächter Theo Weber hat sie in die Schwärzer Feldgemarkung eingeladen, um die Blühäcker mit ihrer Pflanzen- und Artenvielfalt zu präsentieren. Eidt erklärt, dass die Landwirte ohnehin seit vielen Jahren dazu verpflichtet sind, fünf Prozent ihrer Ackerflächen brach liegen zu lassen. Vor einigen Jahren habe er einmal Ringelblumen gepflanzt, die der Hingucker schlechthin geworden wären, weil niemand in der Gemeinde ein derartiges Feld gekannt habe. Bei der Aktion "Hessen blüht für Bienen" mache er aus reinem Idealismus mit. "Der Landwirt hat dadurch keinen Vorteil. Wer denkt, der Eidt macht das nicht, ohne dass es einen Pfennig gibt, liegt falsch", sagt der Landwirt. Jedoch wolle er durch die Aktion auf den verantwortungsbewussten Umgang der Landwirte mit der Natur aufmerksam machen. "In jüngster Zeit gibt es viele Berichte über uns, die einfach nicht stimmen", erklärt Eidt.
Rapsblüten seien eine der wichtigsten Nektarquellen für Bienen, aber direkt im Anschluss an die Rapsblüte gebe es nur noch wenige blühende Pflanzen in den Feldern. "Jetzt gehen die Blühstreifen direkt im Anschluss auf", erklärt Eidt. Für die Aussaat der "Bienenmischung" habe er zwei Tage gebraucht, aber die Arbeit habe sich gelohnt. Auf einem Acker mit einer Größe von etwa 1,75 Hektar am Waldrand mit Blick auf Schwarz oder den Auerberg in anderer Richtung zeigt Eidt das Ergebnis. Zwar leide auch der Blühacker an der Trockenheit, aber die Insektenvielfalt darin sei enorm. Die Ausführungen des Landwirts sind nicht nur mit bloßem Auge zu sehen, sondern auch zu hören. Hummeln, Wildbienen, Käfer, Grillen: Es summt und zirpt überall. Jagdpächter Weber, der direkt neben dem Blühacker einen Ansitz hat, ist begeistert. "Die Anzahl an Wildbienen und Schmetterlingen ist einfach unglaublich. Das tut der Natur richtig gut", schildert der Waidmann. Und weiter: "Wir Jäger sehen genau, was sich in diesen Flächen abspielt. Hasen, Vogelbrut, selbst Rehkitze habe ich darin entdeckt." Bei den Kitzen habe er sich zwar gefragt, warum diese sich den vielen möglichen Stichen aussetzen, aber ihn persönlich freue insbesondere die Vielzahl an Wachteln in seinem Revier, die sich in den Blühflächen prächtig entwickelten.
 
 
Nicht nur für Bienen
Eggers fasst zusammen, dass die Aktion "Hessen blüht für Bienen" zwar gemeinsam mit den Imkern ins Leben gerufen worden sei, jedoch viele weitere Tiere wie zahlreiche Insekten, Schmetterlinge, Vögel und Niederwild immensen Nutzen ziehen. Das bestätigt auch der Alsfelder Biologe Dr. Wolfgang Dennhöfer vom BUND Vogelsberg auf Anfrage unserer Zeitung: "Davon profitieren sicher hunderte Arten. Ich habe mir Mittwochabend selbst Blühstreifen in Feldatal und in Mücke angeschaut. Eine sehr gute Aktion, die zeigt, wie dringend notwendig blühende Pflanzen in unserer Landschaft sind." Der Unterschied zwischen Wiesen und Äckern als Lebensraum zu den Blühstreifen sei immens. Vor 40 Jahren hätten noch größtenteils die Wiesen als Blühflächen ausgereicht, aber heute seien diese eben fast nur noch grün.
Nichtsdestotrotz hat Dennhöfer noch weitere Empfehlungen, um den Lebensraum für viele Tierarten zu erweitern. Landwirtschaftliche Flächen, die Wildkräuter enthielten, sollten gefördert werden. Darüber hinaus sollte die Saatgutmischung für die Blühstreifen mehr heimische Pflanzenarten enthalten. Letzteres sieht Eggers ähnlich, die berichtet, dass es beim Kreisbauernverband bereits verschiedene Mischungen gebe. Dennhöfer konkretisiert das am Beispiel einer Schwalbenschwanzgattung (ein Schmetterling), der sich ausschließlich von der Wilden Möhre ernähre. Die Wilde Möhre hat es auch Waidmann Weber angetan. Genau diese Pflanze wünscht er sich vermehrt in seinem Revier, nachdem er vor einiger Zeit ein paar wenige Exemplare in der Schwärzer Gemarkung entdeckt hatte.
Weiteres ungenutztes Potenzial sieht Dennhöfer an Wegrändern und Böschungen. Der deutschen Ordnungsliebe sei es geschuldet, dass dort gemäht würde. Er wünsche sich solche Flächen in Absprache mit Gemeinden und Landwirten, komplett der Natur zu überlassen. "Das kostet keinen Cent. Da kommen im Vogelsbergkreis schnell einige Hundert Flächenkilometer zusammen. Lediglich die Flutgräben müssen gemäht werden. Ein Riesengewinn für die Natur", meint der Biologe. Abschließend hebt er aber nochmals hervor: "Beim Anblick der Blühstreifen geht Naturfreunden das Herz auf". Diese Erfahrung hat auch Eidt gemacht. "Viele Schwärzer sind zu mir gekommen und haben gefragt, wo es das Saatgut zu kaufen gibt? Sie wollen damit ein Stück ihres Gartens bepflanzen."
 

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