Biebener Kulturdenkmal

Das "Multifunktionsmehrgenerationenhaus" in Bieben mit der Dorfkirche. Fotos: Dickel

 

BIEBEN - Sie ist die wohl kleinste Kirche im Vogelsbergkreis und doch so viel mehr. Eine ehemalige Scheune in Bieben wurde im Jahr 1836 nicht nur zum Gotteshaus, sondern auch zur Schule mit Lehrerwohnung - später zum Dorfgemeinschaftshaus - umfunktioniert. Was damals aus der Not geboren wurde, weil die Biebener Kirche im Jahr 1835 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde (laut Unterlagen des Landesamtes für Denkmalpflege), gilt heute nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz als Kulturdenkmal.
 
"Diese besondere Baugeschichte zeichnet das Biebener Beispiel noch einmal aus und ist auch ortsgeschichtlich von Bedeutung", erklärt das Landesamt für Denkmalpflege, da es sich bei dem Gebäude um einen Kombinationsbau aus Kirche und Schule handelt. "Derartige oder ähnliche Baukombinationen kommen in Hessen durchaus häufiger vor. Vor allem bei den Kirchen der Hugenotten und Waldenser, die ab Ende des 17. Jahrhunderts in Hessen eine neue Heimat fanden und sich hier niederließen, war die Kombination von Kirche und Schule mit Pfarr- und Lehrerwohnung üblich", berichtet das Landesamt.
 
Die Baukombinationen seien aber nicht auf Kirchen der Hugenotten und Waldenser beschränkt gewesen. Vor allem in den Gemeinden des Vogelsbergs und des Dillgebietes seien zahlreiche Beispiele wie Schotten-Betzenrod, Siegbach-Übernthal, Greifenstein-Rodenroth zu finden. Die Kombination von Kirche und Schule habe sich meist dadurch ergeben, dass die Schule kirchlich war. Oft sei für die Funktion der Kirche ein einfacher Betsaal vorgesehen gewesen. Bei fast allen Beispielen handele es sich um Fachwerkbauten der zweiten Hälfte des 18. und des 19. Jahrhunderts. "Die kirchliche Funktion ist - wie auch bei dem Beispiel aus Bieben - oft nur am Dachreiter abzulesen", erläutert das Landesamt. Diese Gebäude seien eine besondere Ausformung des Fachwerkkirchen-Baus und "sind für die nordhessische Denkmallandschaft ebenso charakteristisch wie wertvoll, zumal sie oft an die begrenzten finanziellen Mittel der Erbauungszeit erinnern und daher sozialgeschichtlich von Bedeutung sind". "Während allerdings die genannten Beispiele meist bereits als Kombinationsbauten geplant und errichtet wurden, war das Gebäude in Bieben zunächst ein typischer Einhof aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, der als Schule und Hof des Lehrers genutzt wurde", weist die Denkmalpflege auf den besonderen Charakter des Gebäudes hin. Von außen sei die kirchliche Funktion auch hier wieder eigentlich nur am Dachreiter abzulesen. Im Inneren habe sich die schlichte, aber qualitätvolle klassizistische Ausstattung erhalten.
 
Die Schule samt Lehrerwohnung gibt es längst nicht mehr. Seit Mitte der 1960er gehen die Schüler nach Grebenau. So wurden die Räumlichkeiten zum Bürgerhaus, und der Jagdpächter ist in die Lehrerwohnung eingezogen, fasst Biebens Ortsvorsteher Jens Heddrich die jüngere Geschichte des Hauses zusammen. In etwa ein Drittel des Gebäudes gehörten der evangelischen Kirche und zwei Drittel seien in Händen der Stadt Grebenau. Da der Zahn der Zeit neben dem Fachwerk insbesondere die Dachkonstruktion in Mitleidenschaft gezogen hat, beschlossen kürzlich Stadt und EKHN (Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau) das Dach für rund 160 000 Euro zu sanieren, um den Fortbestand zu sichern. Jedoch sei die übrige Bausubstanz weiterhin renovierungsbedürftig. "Die Kirche hat einen ganz anderen Charakter als eine normale Kirche, weil sie eine ganz andere Struktur hat. Sie ist wirklich heimelig", sagt Heddrich. Noch heute finde dort alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt und der ehemalige Schulsaal werde als Versammlungsraum wie eine Art Bürgerhaus genutzt.
 
Im vergangenen Jahr habe es dann begonnen hereinzuregnen. Daher habe sich die Kirche bereit erklärt, das über einhundert Jahre alte Dach noch einmal instandzusetzen, insofern die Stadt mitziehe. Das sei dann auch umgehend inklusive Glockenturm in Angriff genommen worden. Etliche Balken - nahezu die komplette Dachkonstruktion - haben erneuert werden müssen. Im Zuge der Erneuerung der Ortsdurchfahrt sei auch der Platz vor dem Gebäude neu gestaltet worden. Vor dem Kirchtrakt habe ein Schuppen bis an den Eingang heran geragt. Der Eigentümer hatte nichts dagegen, den nicht mehr benötigen Schuppen abreißen zu lassen und somit ein paar Quadratmeter mehr der Allgemeinheit als kleinen Kirchplatz zur Verfügung zu stellen, berichtet der Ortsvorsteher. Jetzt ergebe sich ein einheitliches Bild - sogar mit einem Hydranten in der Mitte - der als Weihnachtsbaumständer in den Boden eingelassen worden sei.
 
Um die Bausubstanz zu erhalten, müsse jetzt noch die Fassade renoviert worden. Jedoch fehlten die finanziellen Mittel. Daher suche Heddrich händeringend nach Fördermöglichkeiten und habe sich daher an das Landesamt für Denkmalpflege aufgrund der Besonderheit des Gebäudes gewandt. Aus seiner Sicht wolle man heute bei Neubauten verschiedene Nutzungsmöglichkeiten nebeneinander schaffen, "eben multifunktional". Und genau das sei in Bieben bereits historisch gegeben. "Ein Haus im Ortskern, das sämtliche Funktionen des Miteinanders in einem erfüllt, wäre aus heutiger planerischer Sicht moderner denn je", ist Heddrich überzeugt. "Die sinnvolle Nutzung eines denkmalgeschützten Gebäudes ist immer im Einzelfall zu bewerten. Grundsätzlich ist dem Landesamt für Denkmalpflege aber immer an einer sinnvollen Nutzung gelegen, denn dadurch werden Gebäude gepflegt und erhalten", erläutert dazu das Landesamt. Ehrenamtliche Initiativen zum Erhalt von kommunalen beziehungsweise kirchlichen Gebäuden wie die aktuellen Aktivitäten in Bieben zur Sanierung der Schulkirche befürworte das Landesamt für Denkmalpflege ausdrücklich. "Wir sind immer bemüht, derartige Initiativen zu fördern und zu unterstützen", stellt Pressesprecherin Katrin Bek zumindest in Aussicht. An anderer Stelle sei Heddrich schon einen Schritt weiter gekommen, um das Biebener Kulturdenkmal nicht nur zu erhalten, sondern zukunftssicherer zu machen. Was es damit auf sich hat, möchte er aber noch nicht verraten.
 
Quelle: Oberhessische Zeitung

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